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Fallstudie Gerhard X

Die Fallstudie beschreibt einen 21 jährigen WoW Spieler, dessen Leben durch WoW völlig dominiert wird. Das Spiel hält Ihn derart gefangen, dass alles rund herum in den Hintergrund gerückt ist. Das Interview wurde mit seinem Stiefvater durchgeführt.

Gerhard X ist ein 46 Jahre alter Polizist aus Wien, der in seinen 25 Jahren bei der Polizei, davon 12 Jahre aktiv im Streifendienst, viel Erfahrung mit Süchtigen sammeln konnte. Während seiner Zeit im Streifendienst hatte er viel Kontakt zu Süchtigen. Er konnte das Verhalten und die Wohnungen von stoffgebundenen Ab-hängigen, wie Drogen-, Alkohol- und Tablettenabhängigen, aber auch von nicht stoffgebundene Abhängigen wie Automatenspielern beobachten. Ausnahmslos jeder zerstörte sich dadurch seine Existenz. Dann musste er feststellen, dass er persönlich betroffen war: Der Sohn der Ex-Freundin, 21 Jahre alt und 150 kg bei 1,96 Meter Größe.
Alles fing damit an, dass der Stiefsohn im Dezember 2004 vom Bundesheer abgerüs-tet ist. Im Februar 2005 begann er, WoW zu spielen. Leider nahm diese Angelegenheit einen unglücklichen Verlauf:

Zu der Zeit, als der Sohn mit dem Spiel anfing, war er arbeitslos und ziemlich antriebslos. Nach dem Bundesheer hatte er viel Zeit zu spielen gehabt und dadurch vernachlässigte er allmählich die Realität. Es dauerte nicht lange und er war de facto nur noch den ganzen Tag zu Hause, und anstatt im Haushalt mitzuhelfen hat er dann, täglich bis zu 16 Stunden Computer gespielt. Außerdem nahm das Interesse für seine Jobsuche ab, er stellte das Aussenden der Bewerbungsschreiben ein und ging auch nicht mehr auf das Arbeitsamt. Demzufolge hat er dann auch den An-spruch auf das Arbeitslosengeld verloren. Für ihn war das jedoch nicht weiter schlimm, weil es für ihn nichts wichtigeres als WoW gab.

Zu dieser Zeit ist dem Stiefvater das Computerspiele- Problem des Stiefsohns bewusst geworden. Die Mutter nahm in jedoch in Schutz, und half ihm wo es nur ging, indem sie zum Beispiel seine Jobbewerbungen verfasste. Durch die Hilfe der Mutter bekam er nach 6 Monaten Jobsuche, im Mai 2005, eine Anstellung bei Hartlauer als Optiker. Allerdings spielte er jeden Tag gleich nachdem er von der Arbeit nach Hause kam bis teilweise vier oder fünf Uhr früh Computer. Das führte dazu, dass er oft zu spät in die Arbeit kam und außerdem fast eine Woche pro Monat in Krankenstand war. Natürlich führte dieses Verhalten zu Problemen in der Arbeit. Er täuschte Krankheiten vor, beziehungsweise konnte er sie fast schon auf Knopfdruck bekommen, um der Arbeit fern bleiben zu können.

Wie schon zuvor hat er WoW vor alle anderen Angelegenheiten gestellt. Im Juni 2005 hat er durch die Gemeinde Wien eine Wohnung zugewiesen bekommen, ihm fehlte jedoch der Antrieb etwas in der Wohnung zu machen: lustlos, die Wohnung einzurichten oder sich gar eine Küche für die Wohnung zu kaufen.

Dadurch nahmen die Diskussionen zwischen Herrn X und der Mutter zu. Der Sohn hat viel gelogen um nicht zugeben zu müssen, wie lange er spielt und wann er schlafen geht. Er hat ausgesprochen gut gelogen und konnte sein Verhalten vor der Mutter verheimlichen und verharmlosen. Des weiteren lenkte er das Thema auf den Konflikt zwischen Stiefvater und ihm, gab den Stiefvater die Schuld für alles. Herr X stellte eindeutige Parallelen zu den Süchtigen, mit denen er beruflichen Kontakt hatte, und seinem Stiefsohn fest. Wie bei den Süchtigen lebte der Sohn nur noch für die Sucht.


Im September 2005 musste der Stiefsohn zur Weiterbildung für zwei Tage nach Steyer. Eigentlich hätte er um fünf Uhr dreißig morgens außer Haus gemusst, jedoch hat er verschlafen. Als ihn der Stiefvater aufweckt und ihn zur Rede stellt, gibt er zu, bis eine dreiviertel Stunde zuvor WoW gespielt hat. Nach Ermunterung der Mutter und des Stiefvaters, ist er dann doch noch nach Steyer gefahren. Während des Aufenthalts des Stiefsohnes in Steyer, ergriff Herr X die Gelegenheit, mit der Mutter das erste vernünftige Gespräch über die Sucht des Sohns zu führen.

Die Mutter gelangte zur Einsicht und erkannte das Spielproblem des Sohnes auch. Daraufhin haben beide eine technische Sperre im Router eingestellt: diese Barriere sorgte dafür, dass der Sohn nur noch von 20 bis 23 Uhr spielen und von 23 bis 24 Uhr chatten konnte. Als er dann am Dienstag nach Hause kam, ging er wie gewöhnlich wieder direkt in sein Zimmer zum Computer. Die Schuhe wurden beim Gehen ausgezogen, die Jacke während des Weges einfach ins Zimmer geworfen. Vor seinem PC angekommen, schaltete er ihn ein. Es dauerte nicht lange bis der Sohn aus dem Zimmer kam, weil das Internet nicht funktionierte. Die Eltern wollten mit ihm ein ernsthaftes Gespräch führen, er ist aber in sein Zimmer zurückgegangen.

Einige Zeit später kam er wieder um nur mit der Mutter und nicht dem Stiefvater zu reden. Ihm fehlte jegliches Verständnis dafür, keinen Zugang zum Internet mehr zu haben. Die Situation eskalierte, er zerschmiss anfänglich Geschirr und danach zertrümmerte er seinen Kasten. Er tobte derart unbeherrscht, dass er sich sogar dabei verletzt (ein Schnitt in die Ferse). Am folgenden Tag ist der Sohn in die neue Wohnung gezogen, um wie-der in Ruhe spielen zu können. Er hat nur den Computer, eine Matratze und die Katze mitgenommen, an Kleidung, etc. hat er nicht gedacht.

Die Großeltern haben ihm beim Umzug geholfen und ihm sogar den Internetzugang für die neue Wohnung beschafft. Anfänglich haben sich die Großeltern noch um ihren Enkel gekümmert, aber nach einer gewissen Zeit wurde ihnen das in der Wohnung herrschende Chaos zu viel - die Wohnung war innerhalb kürzester Zeit in einem verwahrlosten Zustand. Die Mutter hat den Sohn jedoch weiterhin sehr verwöhnt. Nach dem Auszug des Sohnes wurde dieser unzuverlässig, er kam nicht zu den Familientreffen und sagte das auch erst 15 Minuten zuvor ab. Die ganze Familie hat sehr darunter gelitten, es folgte eine Enttäuschung nach der anderen.

Allerdings hat ihn die Familie nie mit seinen Problemen konfrontiert, sondern zum Teil weiterhin beschützt.

Nach zehn Wochen, im Dezember 2005, wurde er fristlos gekündigt und erst nach drei Wochen Arbeitslosigkeit hat er es seiner Mutter gebeichtet.

Im Oktober 2006 war Herr X zu Gast bei Help TV und berichtete über seine Er-fahrungen mit der WoW Sucht. Daraufhin hat sich UPC, der Internetanbieter seines Stiefsohns, bei ihm gemeldet und Hilfe angeboten:

Die Firma hat den Internetzugang des Stiefsohns im Oktober 2006 gekündigt, weil der Sohn 3 Monate im Zahlungsverzug war. Aus Sorge um den Stiefsohn hat die ganze Familie beschlossen, ihn in seiner Wohnung mit dem Suchtproblem zu konfrontieren. Seine Wohnung war verkom-men und verschmutzt, Müll lag am Boden der ganzen Wohnung. Das Katzenklo war verdreckt, die Katze hat daraufhin überall hingemacht; es lagen 100 leere Zwei-Literflaschen, an die 40 Pizzakartons und fast 100 leere Chipstüten am Boden. Als die ganze Familie (Großeltern, Onkel) da war, wollte er nicht wahrhaben, dass das Internet nicht mehr geht.

Er hat so getan als ob es funktionieren würde. Im Gespräch wurde angesprochen, ihn stationär zu behandeln. Der Stiefvater hat ihn schonungslos mit der Situation konfrontiert, daraufhin kam es zu Streit, der Stiefsohn hat abgeblockt: Er würde nur spielen, da er die Beziehung zwischen Mutter und Stiefvater nicht verkrafte, er drohte, sich umzubringen, wenn nicht spielen darf und versuchte, dieses Druckmittel gegen seine Verwandten einzusetzen. Sie fanden Rsa– Briefe wegen Mietschulden, Delogierung laut Gerichtsbeschluss. Das Unheil konnte aller-dings abgewendet werden; die Mutter bezahlt jetzt Miete, Internet und Essen; die Kosten belaufen sich auf ca. 800 Euro pro Monat. Der Sohn hat einen neuer Internet-Provider und spielt wieder.

Herr X engagiert sich bis jetzt gegen WoW: sein Auftritt in Help TV, Verfassen eines Gamestar Artikels, ein Radio auf Ö1 und ein Beitrag in Computermagazin WCM.

Außerdem hat Herr X versucht, mit Blizzard Kontakt aufzunehmen. Analog zum Glückspielgesetz in Österreich argumentierte er mit der Tatsache, wenn jemand Existenz gefährdend süchtig ist, kann der Betreffende gesperrt werden. Blizzard reagierte in einer E-Mail: der Betroffene ist 21 Jahre alt und mündig.


Herr X hat vorgeschlagen, ein Anmeldesystem analog zu Ebay zu erstellen, bei dem Accounts (User) per Post angemeldet werden, um die Möglichkeit zu bieten, einen User zu sperren, sonst wäre es für den Spieler ein Einfaches, ein neues Spiel zu kaufen und die Anmeldung zu umgehen. Blizzard lehnte ab.


In China wurde WoW verboten und man kann nicht mehr als 5 Stunden spielen, nach Ablauf dieser Zeit legt sich der Charakter schlafen. Dieses Spielart kann aber leicht umgangen werden, indem man mehrere Charaktere/ Accounts anlegt und mit diesen weiterspielt.

Die Firma Blizzard hat Spiele wie Starcraft, Warcraft 1+2 und Diablo 1+2 produziert. Es wird unterstellt, dass diese Titel zur Sucht führen können, da bei der Programmierung Psychologen eingesetzt werden, um die Bedürfnisse der User zu befriedigen und diese stärker an das Spiel zu binden:


WoW ist ein Spiel mit großem Gruppendruck, es zeichnet sich durch die Einfachheit des Spielens aus, es ist nicht zu kompliziert. Das Problem ist, man kann nicht aufhören zu spielen, nichts zählt mehr außer dem Spiel, man setzt das Spiel als Priorität vor Arbeit oder Prüfungen. Selbst wenn die Tatsache bewusst wird, dass andere Bereiche vernachlässigt werden, können die Spieler trotzdem nicht damit aufhören. Sie sind nicht fähig, nur in der Freizeit zu spielen, man dehnt die „freie Zeit“ auf 24 Stunden aus. Defizite im Leben werden durch das Spiel ausgeglichen, die Sucht ist Flucht vor der Realität. WoW ist für Buben, was Magersucht für Mädchen ist.

Der Start des Spiels „Burning Crusade“ wird um 3 Monate nach hinten verschoben; es wird umprogrammiert, damit die Suchtgefährdung reduziert wird, um das Image von Computerspielen wieder zu verbessern.


Interview durchgeführt von Alexander Pfeiffer und Thomas Primus

Sollte der Kontakt zu Herrn X erwünscht werden, bitte einfach mit IPOS in Kontakt treten.

Zusammenfassung geschrieben von Xaver Götzl

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