Onlinsucht Allgemein
Onlinesucht Hilfe für Spieler
Forum und Hilfe für Eltern
Onlinesucht Wissenschaft

Onlinesucht - Forum & Hilfe - Vergleich Raid und BWL


Raid-Leitung VS BWL

Im folgenden Abschnitt wird die Bedeutung einer Raid-Leitung genauer erläutert und ein kleiner Vergleich mit der Theorie aus Personalwirtschaft angestellt. Als Grundlage für realweltliche Personalführung dient das Buch „Personalmanagement, Führung, Organisation“ in der 3. Auflage, Herausgegeben von Kasper Mayerhofer. Als Basis für den Vergleich mit dem Spiel, dient einerseits ein Artikel in der Zeitschrift „PC Games Extended 09/2006“ der sich explizit der Aufgaben eines Raidleiters widmet, und andererseits die eigene Erfahrung eines der Autoren als Raidleiter eines Molten-Core Raids. Zusätzlich wurden Interviews mit Spielern und Raidleitern durchgeführt, um genauere Vergleiche zu ziehen.

 

Ein Raid ist, wie im Kapitel 2.6.12 „Das Gruppenspiel“ erklärt, ein Zusammenschluss von mehr als 10 Spielern. Im Basisspiel umfasst die maximale Raidgröße 40 Personen. In der Erweiterung Burning Crusade wird diese auf 25 Personen minimiert. Nun geht es darum, zu untersuchen, ob man die Führung eines Raids und die dazugehörenden Entscheidungen mit der klassischen Betriebswirtschaftslehre vergleichen kann, oder ob es signifikante Unterschiede gibt.

 

In der klassischen Personalwirtschaftslehre unterteilt man in drei verschiedenen Koordinationsformen. Dem Einliniensystem, dem Mehrliniensystem und das Stabliniensystem. Je nachdem wie die Kommunikationsstrukturen eines Unternehmens sind.

 

Der typische Raid wird in einem Mehrliniensystem aufgebaut sein.

 „Im Mehrliniensystem sind einer untergeordneten Stelle mehrere übergeordnete Stellen zugeordnet. Somit kommt es zu einer Mehrfachunterstellung der Mitarbeiter. Die Vorgesetzten sind jeweils in Bezug auf bestimmte Aufgaben weisungsbefugt.“[1] 

Die Zeitschrift PC Games beschreibt in ihrem Artikel „das Raid ABC“ passend dazu:

 „[...] Zusätzlich zur Gildenleitung (ein oder mehrer Gildenmeister) ist es ratsam, Klassenleiter einzusetzen die bei gravierenden Entscheidungen und in speziellen Klassenfragen Mitspracherecht haben. Klassenleiter erleichtern der Gilden-/Raidleitung die Arbeit ungemein, da man sich nicht um jene Kleinigkeit selber kümmern muss, sondern auch Aufgaben delegieren kann.[...]“[2] 

Folgende Positionen gibt es in einem Raid unterhalb des Raidleiters. Natürlich kann auch der Raidleiter, oder bei mehreren Raidleitern einer der Raidleiter eine dieser Positionen zusätzlich zur Führung innehaben.

 

·        Raidleitung

·        Hauptheiler – leitet und koordiniert die heilenden Klassen

·        Plündermeister – ist für die Aufteilung der Beute zuständig

·        Klassenleiter – leitet seine eigene Klasse (z.B. die Jäger)

·        Maintank – der wichtigste Krieger im Raid, teilt seine Helfer „offtanks“ ein.

·        Berufsvertreter – teilt ein, welche Gegenstände für welchen Charakter gefertigt werden

·        Raid-Bank – der Bankchar hütet die Schätze des Raids

  

Nun stellt sich die Frage, welchen Führungsstil ein Raid braucht und welche Eigenschaften eigentlich der Hauptraidleiter an den Tag legen muss. Gibt es auch hier wieder gute Vergleichsmöglichkeiten mit der realweltlichen Betriebswirtschaftslehre?

 

Hier kann man die Laborexperimente in Betracht ziehen, die von Lewin an der Iowa University in den späten 1930er Jahren durchgeführt wurde und in der Gruppen untersucht wurden, die drei verschiedenen Führungsstilen ausgesetzt waren. „autoritär - Vorgabe der Ziele durch den Führenden“, demokratisch - Ziele sind das Ergebnis einer Gruppenentscheidung mit Unterstützung durch den Führenden und laissez-faire - völlige Freiheit für Einzel- oder Gruppenentscheidungen, minimale Beteilung des Führenden. Es wurden die Unterschiede der verschiedenen Gruppen untersucht. In autoritär geführten Gruppen kam es zum Ausbruch von Feindseligkeiten aufgrund erhöhter Spannungen. Zwar wurde ein hohes Arbeitspensum und ein gehorsames Verhalten an den Tag gelegt solange der Gruppenleiter anwesend war, jedoch brach die Arbeit zusammen, wenn dies nicht der Fall war. In demokratischen Gruppen gab es eine freundschaftliche Atmosphäre und originelle Produkte, während bei „laissez-faire“ Gruppen das schlechteste Ergebnis erzielt wurde.[3]

 

In World of Warcraft ist nun zu differenzieren mit welcher Gruppe man es als Raidleiter zu tun hat. Aber auch welche Aufgabe es gerade zu bewältigen gibt. Eine Instanz in der man z.B. einen Teil des hochwertigen, aber nicht epischen „T0-Sets“ finden kann, lässt sich von einer gut eingespielten Gruppe, welche schon episch ausgerüstet ist, durchaus im „laissez-faire“ Stil bewältigen. Dort ist der Raidleiter eher nur als „Gruppenfinder“ einzustufen, oder in der Funktion, dass er bei der Plünderverteilung eine Rolle spielt. In einer Instanz, die für die meisten Spieler noch neu ist und in der auch noch aktiv nach Rüstungsgegenständen und Waffen gesucht wird, kann nur ein autoritärer oder demokratischer Führungsstil zu Erfolg führen. Welcher eingesetzt wird, hängt letztendlich davon ab, ob der Raidleiter mit Freunden oder sehr guten Onlinebekannten spielt, oder ob er eine neue Gruppe mit vielen jungen und ihm fremden Spielern aufgestellt hat. Letztendlich führt aber nur eine homogene Gruppe zu Erfolgen, wo Spannungen nicht als Streit genützt werden, sondern um sachliche Problemlösungen zu finden, und sich die Spieler ihrer Aufgaben bewusst sind.

 

Mitarbeiter-, bzw. Mitspieler-Motivation kann man in World of Warcraft damit erreichen, dass bei einer erfolgreichen Bewältigung einer Aufgabe dem Raid zusätzliche „DKP“ zur Verfügung gestellt werden. „DKP – Dragon Killing Points“ können von den Spielern eingesetzt werden um Beute zu erhalten. Auf das echte Leben umgelegt, wäre dies schlichtweg ein Gehaltsbonus. Weitere Motivationsfaktoren wäre das Erreichen des Raid-Zieles, bzw. eine allgemein gute Leistung der Gruppe. Auch „Spaß an der Sache“ ist sicherlich ein wichtiger Faktor, schließlich ist World of Warcraft „nur“ ein Computerspiel. Und wichtig ist selbstverständlich auch, wie wohl man sich in der Gruppe, in seinem Raid, als Spieler fühlt.

 

Wolfgang Mayerhofer unterteilt in der Gruppe (Zufriedenheit – Nicht-Zufriedenheit) in den Faktor Motivation und in der Gruppe der unbefriedigenden Situation (Unzufriedenheit bis Nicht-Unzufriedenheit) in Hygienefaktoren. Die Faktoren die am häufigsten in Verbindung mit zufriedenstellenden Situationen genannt werden, beziehen sich zumeist auf die Arbeit selber. (Leistungserfolg, Anerkennung, Aufstieg, Arbeit selbst, Verantwortung und Entfaltungsmöglichkeiten). Hingegen werden in unbefriedigenden Situationen Faktoren verbunden, die nicht mit der Arbeit direkt in Verbindung stehen (Gehalt, Beziehung zu Untergeben, Vorgesetzten und Kollegen, Status, persönliche Arbeitsplatzsicherheit). Erforscht wurde dieses Themengebiet in einer Studie von Herzberg und seinem Kollegen bei 203 Ingenieuren und Buchhaltern in neun Betrieben im Raum Pittsburgh, USA. Deswegen heißt die Studie dahinter auch Pittsburgh-Studie. [4]

 

Interessant ist der Punkt „persönliche Arbeitsplatzsicherheit“ in bezug auf einen World of Warcraft Raidteilnehmer. Viele Spieler  halten sich für die Raids mit den Kollegen Abende in ihrem realweltlichen Terminkalender frei. Nun kann es vorkommen, dass sich mehr Spieler zu einem Raid angemeldet haben, als eigentlich benötigt werden, und sich Spieler auf die sogenannte Ersatzbank begeben müssen. Oft wird die Aufstellung für den Raid einen halben Tag bis Tag vor dem eigentlichen Raid getätigt. Realweltliche Termine müssen die meisten Personen aber schon wesentlich früher freihalten. Ein Beispiel wäre ein interessantes Fußballspiel am Raidtag. Der Spieler kauft sich keine Eintrittskarte, da er gerne am Spiel teilnehmen möchte und hält sich somit den Abend frei. Wird er aber nicht aufgestellt, sondern muss auf die Ersatzbank, senkt sich natürlich seine Motivation aufgrund der unbefriedigenden Situation. Nun kann die Raidleitung versuchen, durch diverse Maßnahmen den Spieler trotzdem zu motivieren. Ein gängiges Beispiel wäre, den Ersatzbankspielern „DKP“ zu geben, dafür, dass diese auf der Ersatzbank Platz nehmen, oder ein Rotationssystem zu inkludieren. Man könnte eine Stammgruppe aus den 20st anerkanntesten und besten Spielern bilden und die 20 anderen Plätze im Wechsel besetzen, um diesen Punkt mit einer Warcraft-spezifischen Entwicklung abzuschließen. In der Erweiterung Burning Crusade wird die Raid Größe auf 25 beschränkt werden. Dies wird innerhalb der Community nicht mit Wohlwollen aufgenommen. Sehr gut funktionierende Raid-Gruppen müssen sich nun aufspalten und umgliedern. Die Gründe von Seiten des Entwicklers könnten sein, dass der etwaige entstehende Gruppenzwang minimiert werden soll[5], oder auch damit es einfacher wird, die Gruppe im Überblick zu behalten und schlagkräftige Raids zu formen.

 

Personalbeschaffung spielt für den Raidleiter natürlich auch eine große Rolle. Er hat die Möglichkeit, innerhalb der Raidgilde oder der Gilden die dem Raid-Bündnis angehören (sollte der Raid ein Zusammenschluss mehrer Gilden sein), die Personen nach Klasse und Spielerfahrung zu suchen. Weiters kann er im „Suche nach Gruppe“ Kanal (vor Patch 1.13), bzw. in dem seit Patch 1.13 inkludiertem Tool nach Mitgliedern suchen. Weiters im Chat Channel in den Hauptstädten nach Mitstreitern suchen oder das Spiel verlassen und sich im Internet, sei es die Website vom Hersteller selber, Fanwebsites oder  Portale von Spielemagazinen nach Kollegen erkundigen, die sich seiner Gruppe anschließen wollen. Je erfolgreicher der Raid, umso eher findet er Spieler für seine Gruppe. Die Top-Raids haben sogar spezielle Anforderungen an die Spieler, einerseits mit den Ausrüstungen, andererseits gibt es oft die Erfordernis einer „Mindest-Onlinezeit“ der Mitglieder.

 

Fazit: die realweltliche Personalbetriebswirtschaftslehre lässt sich gut auf die Aufgaben einer Raidleitung im MMORPG World of Warcraft umlegen. Und wie auch schon in der Volkswirtschaftslehre könnte man ein Computerspiel nutzen, um interessierten Menschen Basistheorien zu erläutern. Hierfür müsste man die Forschung auf das Gebiet der Gruppenleitung in MMORPG’s legen und natürlich wesentlich mehr in die Tiefe, aber auch in die Breite gehen, als in diesem kurzen Artikel. Dieser soll aber als Denkanstoss dienen, wie man Jugendlichen (z.B. Schülern von Handelsakademien) Lehrstoff interessant aufbereiten kann.


28.02.2007 - Alexander Pfeiffer

[1] Kasper / Mayerhofer (Hrsg.) (2002) Personalmanagement Führung Organisation, S 31, Linde Verlag

[2] DG (2006), PC Games Magazin 09/06 (Seite 15, Spezialteil)

[3] Kasper / Mayerhofer (Hrsg.) (2002) Personalmanagement Führung Organisation, S178, 179, Linde Verlag

[4] Kasper / Mayerhofer (Hrsg.) (2002) Personalmanagement Führung Organisation, Seiten 261, 262, Linde Verlag

[5] diese Vermutung stammt von Hr. Vanek, Interview durchgeführt am 22.11.2006

}