Onlinesucht - Forum & Hilfe - Internetsucht - Ein Definitionsversuch
In den gängigen Klassifikationssystemen dem „Diagnostic und Statistic Manual of mental Disorders“ (DSM-IV) und dem „International Classification of Diseases“ (ICD-10) gibt es noch keine Klassifikationen für Internetsucht.
Deswegen werden Merkmale und Kriterien dieser Abhängigkeitserkrankung in Anlehnung an bestehende Klassifikationskategorien, wie ICD-10 F63.0 „Pathologisches Spielen“ und F.63.8 „Sonstige abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle“, aufgestellt. Im Folgenden werden zwei Aufstellungen von Merkmalen und Kriterien von Internetsucht dargestellt.
Auf dereinen Seite die empfohlenen diagnostischen Kriterien von Dr. Hans Zimmerl, welcher bereits im Jahre 1998 eine Onlineumfrage hinsichtlich des pathologischen Internetgebrauchs von ChatuserInnen durchführte und auf Grundlage seiner Ergebnisse in Anlehnung an die Diagnosekriterien vom pathologischem Glücksspiel diese Merkmale festlegte. Weiters werden die Symptomkategorien von Dr. Sabine Grüsser-Sinopoli und Ralf Thalemann vorgestellt, die sieben wesentliche Merkmale einer Computerspielsucht festlegen.
Zimmerl (2006) - Internetsucht:
1. Fokussierung: Handeln und Denken konzentriert sich in allen Lebenslagen darauf, online zu sein, alles andere wird nebensächlich. Dies hat eine Einengung des Verhaltensraumes zur Folge.
2. Kontrollverlust: Die Onlinezeiten können nicht mehr kontrolliert werden. Oftmals wird eine qualitative und quantitative Steigerung des Internetgebrauchs notwendig, um den Befriedigungseffekt aufrechtzuerhalten.
3. Negative Konsequenzen: Physische (Störung des Sehapparats, Schlafentzug, etc.) und psychosoziale (Arbeitsplatzverlust, Beziehungsabbrüche, etc.) Follgeschäden.
4. Entzugssymptome: Bei ungewollten Offlinezeiten können Reizbarkeit, Nervosität, Unkonzentriertheit, etc. auftreten.
5. Unfähigkeit zur Verhaltens-änderung: Trotz negativer Folgen und Leidensdruck kann der/die Betroffene sein Verhalten nicht alleine ändern.
Grüsser/Thalemann (2006) - Computerspielsucht:
1. Einengung des Verhaltensmusters: Computerspielen hat oberste Priorität und bestimmt Denken, Handeln und Gefühle der UserInnen.
2. Regulation von negativen Gefühlszuständen (Affekten): Computerspielen wird als verdrängende Stressbewältigungsstrategie eingesetzt, was als eine Art Selbstmedikation angewendet wird.
3. Toleranzentwicklung: Quantitative Steigerung der Computerspielzeiten, um gewünschte Wirkung bei der betroffenen Person zu erzielen.
4. Entzugserscheinungen: Nervosität, Unruhe, etc. und/oder vegetative Symptomatik, wenn nicht mit dem Computer gespielt werden kann.
5. Kontrollverlust: Dauer des Computerspielens kann von der betroffenen Person nicht mehr kontrolliert werden.
6. Rückfall: unkontrolliertes, exzessives Computerspielen nach Zeiten des kontrollierten Computerspielens und/oder abstinenten Phasen.
7. Das exzessive Computerspielen hat Auswirkungen auf Beruf, soziale Kontakte, Hobbys, was zwischenmenschliche und innerpsychische Probleme bei der betroffenen Person auslöst.
Es gibt bei beiden Kriteriums- und Merkmalsvorschlägen große Übereinstimmungen, wobei die Ausführungen von Grüsser/Thalemann ein Stück weit differenzierter sind. Auffallend ist allerdings, dass Zimmerl diagnostische Kriterien für „Internetsucht“, Grüsser/Thalemann für „Computerspielsucht“ definieren. Die Begriffsverwendung von Zimmerl geht daher über die Computerspiele hinaus und umfasst auch Bereiche wie chatten, bloggen etc.
Hingegen wird durch die von Grüsser/Thalemann verwendete Begrifflichkeit „Computerspielsucht“ auf der einen Seite das Bild der Abhängigkeit auf Computerspiele begrenzt, hierbei kommt es aber gleichzeitig zu einer Erweiterung der von Zimmerl verwendeten Begrifflichkeit der Internetsucht, da dadurch nicht nur Onlinespiele, sondern auch Offlinespiele in die Definition hinein genommen werden.
Auf Grund des Wiedererkennungswertes bzw. der Assoziationen, welche der Begriff Internetsucht (Onlinesucht) auslöst und der Inkludierung verschiedenster Onlineaktivitäten, ist es wohl am Angebrachtesten den Begriff „Internetsucht“ und dazu synonym den Begriff „Onlinesucht“ zu verwenden.
Trotzdem gibt es auch Trends, die dezidiert eine Computerspielsucht definieren. Diese Kriteriumsvorschläge bieten auf der einen Seite eine Orientierungsmöglichkeit, welche Symptomatiken bei einer Onlinesucht auftreten können und zeigen auf der anderen Seite auch auf, dass der Erkenntnisprozess hinsichtlich dieser Abhängigkeitserkrankung noch nicht abgeschlossen ist und es sogar bei der Begriffsdefinition noch keinen eindeutigen Nenner gibt.
Daher sollten die angeführten Merkmale als Kriteriumsvorschläge dienen, welche helfen sollen einen möglichen problematischen Internetgebrauch zu erkennen und darauf gegebenenfalls auch (rechtzeitig) zu reagieren.




